Beispiele aus dem Beratungsalltag

 

Helena, 2;6 Jahre:

Helena spricht zu Hause nur einige wenige Worte. Diese sind schwer verständlich. Ihre Eltern wüssten gerne, ob sie sich Sorgen machen müssen und ob eine logopädische Behandlung schon sinnvoll wäre. Nach Besprechung eines Elternfragebogens/Screenings, das eine Einschätzung von Helenas Sprachentwicklungsstand ermöglicht, und einigen Fragen meinerseits zu Helenas Entwicklung, Gesundheit (v.a. Hörvermögen), Alltagskommunikation und dem Familienleben zu Hause, erarbeiten wir gemeinsam, wie Helena in einfachen Alltagssituationen zu Hause, im Spiel und auch durch z.B. dialogisches Bilderbuch lesen in ihrer Sprachentwicklung ganz konkret gefördert werden kann. Darüber hinaus besprechen wir, ab wann eine logopädische Behandlund tatsächlich nötig wäre.

Nach der Online-Beratung (in diesem Falle über Zoom), bekommen die Eltern nochmal schriftlich eine kurze Aufstellung der Beratungsinhalte und Fördervorschläge für ihren individuellen Familienalltag. 

Ein halbes Jahr später erhalte ich erfreulicherweise das Feedback, dass Helena wenig später immer mehr zu sprechen begonnen hat und bei der U7a kein weiterer Sprachentwicklungsrüstand mehr festgestellt werden konnte. 

 

 

Tino, 4;0 Jahre:

Tino hat ein schon von Geburt an bekanntes Syndrom, das zu einer Verzögerung der Gesamtentwicklung führt. Es ist bekannt, dass nur sehr wenige Kinder mit diesem Syndrom regulär sprechen lernen können. Tino besucht die Integrationsgruppe eines Regelkindergartens und geht dort jeden Tag sehr gerne hin. Er beobachtet fasziniert die anderen Kinder und versucht diese in ihrem Spiel zu imitieren. Oft komme es aber zu Streit, weil er seine Wünsche und Bedürfnisse nicht mitteilen kann. Er wirft dann mit Spielsachen oder nimmt anderen Kindern Gegenstände weg, weil er nicht danach fragen kann. 

Im Gespräch überprüfen wir, wie Tino sich in konkreten Alltagssituationen zu verständigen versucht. Wir analysieren seine Kommunikationsversuche und erarbeiten, welche Kommunikationswege und -möglichkeiten die Eltern ihrem Sohn anbieten können. Konkrete Hilfmittel, die zum Teil selbst hergestellt, oder aber auch über den Hausarzt bei der Krankenkasse beantragt werden können, werden vorgeschlagen und in ihrer Verwendung bespochen. Natürlich folgt auch hier im Anschluss an die Beratung eine kurze schriftliche Zusammenfassung. 

Ein knappes Jahr später melden sich Tinos Eltern wieder. Ihr Sohn habe nun eines der angebotenen Kommunikationsmittel für sich entdeckt. Er zeige auf einfache Bilder und Piktogramme und habe verstanden, dass er sich dadurch mitteilen kann. Allerdings brauche er nun mehr Wörter, um seine Wünsche noch konkreter mitzuteilen, und auch im Kindergarten und in Hinblick auf die Einschulung wäre ein flexibleres System hilfreich. In der Folgeberatung sprechen wir darüber, ob er inzwischen auch erste Lautsprache vernwendet hat, wie z.B. Mama, Papa, Wauwau, und ob der Umstieg auf ein komplexeres System der Unterstützten Kommunikation - z.B. per Ipad - Sinn machen könnte, wie die Beantragung eines solchen Gerätes funktioniert und wie es in den Alltag integriert werden kann. 

 

Metin, 6;5 Jahre:

Metins Eltern sind besorgt, weil ihr Sohn sich zwar sehr auf die Schule freut, aber die Erzieherinnen in der Kita immer wieder feststellen, dass er Erzählungen und Anweisungen nicht immer folgen kann. Eigentlich spricht Metin relativ fließend Deutsch und Türkisch. Aufgrund seines Alters kann Metin auch nicht vom Schulbesuch zurüchgestellt werden. Auch zu Hause scheint es manchmal so, als höre Metin einfach nicht richtig zu. Seit einiger Zeit spreche er nur noch Deutsch, auch wenn die Eltern ihn auf Türkisch ansprechen. In der Beratung werden offene Fragen zum Thema Mehrsprachigkeit geklärt. 

Es findet eine Einschätzung des Sprachverständnisses statt. Wir besprechen, welche Aspekte beim Thema Sprachverstehen und Aufmerksamkeit wichtig sind und wie man diese Voraussetzungen im Alltag konkret fördern und das Sprachverstehen (beider Sprachen) unterstützen kann, um Metin die Einschulung zu erleichtern.

 

Marie, 5 Jahre:

Eigentlich steht Marie schon seit einigen Monaten auf der Warteliste einiger Logopädinnen im Umkreis. Doch die Wartezeit ist lang und Maries alleinerziehender Vater fragt sich, ob er auch schon vorab zu Hause etwas dafür tun könne, um Marie in ihrer Sprachentwicklung etwas zu helfen und so zum einen die Wartezeit sinnvoll überbrücken und die Therapiezeit vielleicht sogar verlürzen zu können. Gute Idee!

Per Sprachaufnahme erfassen wir die Artikulation. Konkret geht es um die Laute /s/, /sch/ und /f/ sowie die Satzbildung/Grammatik. Ich weise Maries Vater darauf hin, dass eine Überprüfung des Hörens beim HNO-Arzt in diesem Falle sehr zu empfehlen ist. Wir besprechen wichtige Voraussetzungen für eine gelungene Artikulation, wie z.B. einen guten Blickkontakt, und wie diese zu Hause gefördert werden können. Im Alltag zu Hause suchen wir nach konkreten Situationen, die sich eignen z.B. die Satzbildung hochfrequent zu üben, ohne dass Marie überhaupt merkt, dass sie hier gerade "Sprache lernt". Nach drei Monaten macht der Vater einen erneuten Beratungstermin aus. Marie hat den Laut /f/ inzwischen erworben, manchmal hört der Vater auch schon ein /sch/, und sie findet "Buchstaben" inzwischen total spannend. Der Termin findet dann aber nicht mehr statt, denn für die kommende Woche hat Marie endlich ihren Logopädieplatz vor Ort erhalten. Die Wartezeit haben Vater und Tochter sinnvoll genutzt und Marie freut sich jetzt schon auf die Logopädie und auch auf die Schule.

 

 

*Alle Beispiele entspringen meinem täglichen Arbeitsalltag, Namen und Umstände sind aber so verändert, dass keine Rückschlüsse auf konkrete Personen möglich sind.